Faires Praktikum: Daran erkennst Du einen guten Praktikumsplatz

Ein gutes Praktikum gibt Dir Orientierung, Lernmöglichkeiten und ehrliches Feedback. Diese Kriterien zeigen Dir, ob ein Unternehmen Deine Entwicklung wirklich ernst nimmt.

Ein Praktikum bietet Dir die Chance, Berufe kennenzulernen, praktische Erfahrungen zu sammeln und Dein Wissen anzuwenden. Damit Du und das Unternehmen davon profitieren, braucht es klare Lernziele, eine gute Betreuung und faire Arbeitsbedingungen. Du darfst nicht als kostengünstiger Ersatz für reguläre Beschäftigte eingesetzt werden.

Was ist ein faires Praktikum?

Ein gutes Praktikum ist ein Geben und Nehmen. Du erhältst Einblicke in den Berufsalltag, entwickelst Deine Fähigkeiten weiter und sammelst Erfahrungen. Das Unternehmen lernt im Gegenzug eine motivierte Nachwuchskraft kennen und profitiert von Deinen Ideen und neuen Perspektiven.

Im Mittelpunkt muss jedoch immer der Lern- und Orientierungszweck stehen. Ein Praktikum ist keine Berufsausbildung und kein Ersatz für einen regulären Arbeitsplatz.

Auch die Europäische Union will die Qualität von Praktika verbessern. Ein Vorschlag der EU-Kommission sieht unter anderem faire Arbeitsbedingungen, eine angemessene Vergütung, bessere Beschwerdemöglichkeiten und ein konsequenteres Vorgehen gegen sogenannte Scheinpraktika vor. Entscheidend ist dabei nicht, wie Deine Tätigkeit bezeichnet wird, sondern wie sie tatsächlich ausgestaltet ist.

1. Ein schriftlicher Praktikumsvertrag schafft Klarheit

Vor Beginn Deines Praktikums solltest Du mit dem Unternehmen einen schriftlichen Vertrag schließen. Darin sollten mindestens folgende Punkte geregelt sein:

  • Beginn und Dauer des Praktikums
  • Lern- und Ausbildungsziele
  • vorgesehene Aufgaben und Einsatzbereiche
  • Name Deiner Betreuungsperson
  • Arbeitszeit und Arbeitsort
  • Höhe der Vergütung
  • Urlaubsanspruch
  • Regelungen bei Krankheit
  • Kündigungs- und Beendigungsmöglichkeiten
  • Bereitstellung eines geeigneten Arbeitsplatzes
  • gegebenenfalls Sozialversicherung und weitere Leistungen

Der Vertrag verhindert unterschiedliche Erwartungen. Zugleich macht er deutlich, dass Dein Praktikum ein strukturiertes Lernverhältnis und keine unverbindliche Aushilfstätigkeit ist.

2. Deine Lernziele stehen im Mittelpunkt

Ein qualifiziertes Praktikum verfolgt konkrete Lernziele. Schon vor Beginn sollte klar sein, welche Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen Du erwerben sollst.

Deine Aufgaben müssen zu diesen Zielen passen. Selbstverständlich kannst Du auch bei alltäglichen Arbeiten mithelfen. Du solltest aber nicht dauerhaft nur kopieren, Daten übertragen, Kaffee kochen oder andere Hilfstätigkeiten übernehmen.

Ein faires Praktikum ermöglicht Dir vielmehr:

  • Einblicke in unterschiedliche Arbeitsbereiche
  • das Kennenlernen betrieblicher Abläufe
  • die Mitarbeit an konkreten Aufgaben oder Projekten
  • die Anwendung Deiner vorhandenen Kenntnisse
  • das Erlernen neuer fachlicher und persönlicher Fähigkeiten
  • zunehmende Selbstständigkeit bei angemessener Verantwortung

Dein Praktikum sollte nach einem nachvollziehbaren Plan aufgebaut sein. Dadurch lässt sich am Ende auch beurteilen, ob Du die vereinbarten Lernziele erreicht hast.

3. Eine feste Betreuung ist unverzichtbar

Während Deines Praktikums benötigst Du eine feste Ansprechperson. Diese sollte ausreichend Zeit für Deine Betreuung haben und mit den vereinbarten Lernzielen vertraut sein.

Zu einer guten Betreuung gehören:

  • eine fundierte Einführung in das Unternehmen
  • die Erklärung Deiner Aufgaben und der Arbeitsabläufe
  • regelmäßige Rückmeldungen
  • Unterstützung bei Fragen und Problemen
  • die schrittweise Übertragung geeigneter Aufgaben
  • Gespräche über Deinen Lernfortschritt

Nach einer kurzen Begrüßung solltest Du nicht einfach Dir selbst überlassen werden. Ebenso wenig solltest Du Aufgaben übernehmen müssen, für die Dir Erfahrung, Anleitung oder Befugnisse fehlen.

4. Deine Rechte und Pflichten werden zu Beginn erklärt

Zu Beginn des Praktikums sollte Dich das Unternehmen verständlich über die geltenden Regeln informieren. Dazu zählen insbesondere:

  • Arbeits- und Ruhezeiten
  • Pausenregelungen
  • Arbeitsschutz und Unfallverhütung
  • Verhalten im Krankheitsfall
  • Urlaubsregelungen
  • Datenschutz und Verschwiegenheit
  • Weisungsgebundenheit
  • Zuständigkeiten des Betriebs- oder Personalrats
  • interne Ansprech- und Beschwerdestellen

Du musst Deine Rechte kennen und Missstände ansprechen können, ohne Nachteile befürchten zu müssen. Die EU-Leitlinien sehen deshalb auch leicht zugängliche Beschwerdewege und einen Schutz vor Benachteiligung vor.

5. Ein faires Praktikum wird angemessen vergütet

Deine praktische Arbeit hat einen Wert. Deshalb sollte Dein Praktikum grundsätzlich angemessen vergütet werden. Eine Ausnahme können insbesondere kurze Schülerpraktika zur Berufsorientierung sein.

Nach dem Vorschlag der EU-Kommission sollst Du bei den Arbeitsbedingungen einschließlich der Vergütung nicht ohne sachlichen Grund schlechter behandelt werden als vergleichbare regulär Beschäftigte. Unterschiede können beispielsweise aufgrund Deiner geringeren Erfahrung, begrenzter Verantwortung oder eines besonders hohen Lernanteils gerechtfertigt sein.

Je stärker Deine Tätigkeit einer regulären Beschäftigung entspricht, desto weniger lässt sich eine geringe oder fehlende Vergütung rechtfertigen. Wenn Du dieselben Aufgaben und dieselbe Verantwortung wie eine angestellte Fachkraft übernimmst, darfst Du nicht allein wegen der Bezeichnung „Praktikum“ wesentlich schlechtergestellt werden.

In Deutschland sind bei der Vergütung außerdem die gesetzlichen Regelungen zum Mindestlohn und die jeweiligen Ausnahmen zu beachten.

6. Die Dauer richtet sich nach dem Lernzweck

Dein Praktikum sollte nur so lange dauern, wie es zum Erreichen der Lernziele erforderlich ist. Als Orientierung sind häufig drei Monate sinnvoll. Je nach Inhalt und Ausgangssituation kann auch eine Dauer von bis zu sechs Monaten angemessen sein.

Eine längere Dauer muss fachlich nachvollziehbar begründet werden. Problematisch wird es insbesondere, wenn:

  • Dein Praktikum ohne neue Lernziele verlängert wird,
  • mehrere Praktika beim selben Unternehmen aufeinanderfolgen,
  • Du immer wieder dieselben Aufgaben erledigst,
  • Du dauerhaft in den normalen Betriebsablauf eingeplant bist,
  • das Unternehmen mit Praktikanten einen regelmäßigen Personalbedarf deckt.

Auch mehrere aufeinanderfolgende Praktika können auf eine versteckte reguläre Beschäftigung hindeuten.

7. Weiterbildung gehört zu einem qualifizierten Praktikum

Wenn es zu Deinem Tätigkeitsbereich passt, solltest Du an Weiterbildungsangeboten teilnehmen können. Denkbar sind beispielsweise:

  • interne Workshops
  • kurze Fachseminare
  • Produktschulungen
  • Sicherheitseinweisungen
  • Kommunikationstrainings
  • Einblicke in benachbarte Abteilungen
  • externe Bildungsveranstaltungen

Solche Angebote unterstreichen den Lerncharakter Deines Praktikums. Sie helfen Dir außerdem dabei, fachliche Zusammenhänge besser zu verstehen und Dich beruflich weiterzuentwickeln.

8. Du ersetzt keine regulär beschäftigte Person

Ein Praktikum ist unfair, wenn damit ein regulärer Arbeitsplatz eingespart werden soll. Du darfst Beschäftigte unterstützen und an Projekten mitarbeiten. Du solltest aber keine Stelle ersetzen, die eigentlich mit einer regulär beschäftigten Person besetzt werden müsste.

Anzeichen für ein mögliches Scheinpraktikum sind:

  • Es gibt keine erkennbaren Lernziele.
  • Deine Aufgaben entsprechen vollständig denen regulär Beschäftigter.
  • Du trägst dieselbe Verantwortung wie eine Fachkraft.
  • Für die Stelle wird umfangreiche Berufserfahrung vorausgesetzt.
  • Die Stelle war zuvor als regulärer Arbeitsplatz ausgeschrieben.
  • Das Unternehmen beschäftigt auffällig viele Praktikanten.
  • Praktika werden regelmäßig verlängert oder aneinandergereiht.
  • Bei Deiner Abwesenheit fehlt dem Betrieb eine fest eingeplante Arbeitskraft.

In solchen Fällen zählt nicht die Bezeichnung in Deinem Vertrag. Entscheidend sind Deine tatsächlichen Aufgaben und Arbeitsbedingungen.

9. Übernahmechancen werden ehrlich kommuniziert

Ein Praktikum kann Dein Einstieg in eine spätere Beschäftigung sein. Das Unternehmen darf jedoch nicht mit vagen oder unrealistischen Übernahmeversprechen werben.

Wenn es keine freie Stelle oder keine konkrete Übernahmeplanung gibt, sollte Dir das offen gesagt werden. Formulierungen wie „Bei guter Leistung übernehmen wir Dich vielleicht“ dürfen nicht dazu dienen, Dich zu unbezahlter Mehrarbeit oder übermäßigem Einsatz zu bewegen.

Spätestens im Gespräch zur Halbzeit sollte Dir das Unternehmen eine realistische Einschätzung geben:

  • Gibt es grundsätzlich eine Beschäftigungsmöglichkeit?
  • Welche Voraussetzungen müsstest Du dafür erfüllen?
  • Wann kann eine Entscheidung getroffen werden?
  • Gibt es aktuell keine Aussicht auf eine Übernahme?

Eine ehrliche Absage ist fairer als eine Aussicht, die immer wieder unverbindlich verlängert wird.

10. Zur Halbzeit findet ein Feedbackgespräch statt

Etwa zur Hälfte Deines Praktikums sollte ein ausführliches Gespräch mit Deiner Betreuungsperson oder der Teamleitung stattfinden. Dabei wertet Ihr Deine bisherigen Erfahrungen aus.

Besprochen werden sollten:

  • Welche Aufgaben hast Du bereits übernommen?
  • Welche Lernziele hast Du erreicht?
  • Wo benötigst Du noch Unterstützung?
  • Welche weiteren Bereiche möchtest oder sollst Du kennenlernen?
  • Sind Deine Aufgaben und die Betreuung angemessen?
  • Gibt es Probleme mit den Arbeitsbedingungen oder der Zusammenarbeit?
  • Bestehen realistische Übernahmechancen?

Das Gespräch sollte in beide Richtungen funktionieren. Auch Du musst Rückmeldung zur Betreuung, zu Deinen Aufgaben und zu Deinem Lernfortschritt geben können.

11. Am Ende erhältst Du ein qualifiziertes Zeugnis

Nach Abschluss Deines Praktikums sollte Dir das Unternehmen ein schriftliches Zeugnis ausstellen. Es sollte von Deiner Betreuungsperson, der Personalabteilung oder der Geschäftsführung unterschrieben sein.

Das Zeugnis sollte mindestens Angaben enthalten über:

  • Art und Dauer Deines Praktikums
  • Deine Einsatzbereiche
  • Deine Aufgaben und Tätigkeiten
  • die Lern- und Ausbildungsziele
  • Deine erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten
  • besondere fachliche Fertigkeiten

Bei einem qualifizierten Praktikumszeugnis werden zusätzlich Deine Leistung und Dein Verhalten beurteilt. Das Zeugnis hilft Dir bei späteren Bewerbungen und dokumentiert, welche Berufserfahrung Du tatsächlich gesammelt hast.

Checkliste: Ist Dein Praktikum fair?

Ein faires Praktikum erfüllt möglichst alle folgenden Kriterien:

  • Du erhältst einen schriftlichen Praktikumsvertrag.
  • Deine Aufgaben, Lernziele und die Dauer sind klar festgelegt.
  • Dir steht eine feste Betreuungsperson zur Seite.
  • Zu Beginn erhältst Du eine strukturierte Einführung.
  • Deine Rechte und Pflichten werden verständlich erklärt.
  • Deine Vergütung ist angemessen und entspricht den gesetzlichen Vorgaben.
  • Arbeitszeit, Pausen, Urlaub und Krankheit sind geregelt.
  • Die Dauer ist durch den Lernzweck begründet.
  • Du lernst verschiedene passende Aufgabenbereiche kennen.
  • Du erhältst regelmäßig Rückmeldung.
  • Zur Halbzeit findet ein persönliches Feedbackgespräch statt.
  • Du kannst geeignete Weiterbildungsangebote nutzen.
  • Du ersetzt keinen regulären Arbeitsplatz.
  • Übernahmechancen werden Dir ehrlich kommuniziert.
  • Du kannst Dich beschweren, ohne Nachteile befürchten zu müssen.
  • Am Ende erhältst Du ein aussagekräftiges Zeugnis.

Fazit: Lernen statt billiger Arbeitskraft

Ein faires Praktikum erkennst Du nicht an einem bekannten Unternehmensnamen oder möglichst anspruchsvoll klingenden Aufgaben. Entscheidend sind klare Lernziele, eine verlässliche Betreuung, transparente Bedingungen und eine angemessene Vergütung.

Das Unternehmen darf von Deiner Mitarbeit profitieren. Gleichzeitig muss es dafür sorgen, dass Dein Lern- und Orientierungszweck im Vordergrund bleibt. Wenn Du lediglich eine reguläre Arbeitskraft ersetzt, handelt es sich nicht mehr um ein faires Geben und Nehmen.

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